Geschichte

„Ich muss dir mal einen Ort in Hamburg zeigen, der wirklich besonders ist!“ Das war Clemens von Ramin, Sprecher und begnadeter professioneller Vorleser, mit dem Andreas Lübbers bereits seit einigen Jahren abendfüllende Programme erarbeitete. „OK. Ich komme die Tage hoch...“ (Wenn Ramin einen Tipp äußert, sollte man immer aufmerksam sein, wusste Andreas Lübbers.) „... was ist es denn?“ „Der Arbeitsplatz, meiner Schwester – eine Schule für Veranstaltungstechniker.“

 

Nun, das klang dann doch erstmal weniger vielversprechend. Es brauchte einen extra Schubs, von Bad Gandersheim im Harz, aus den sehr arbeitsintensiven und zeitfressenden Aufgaben des stellvertretenden Intendanten und Chefdramaturgen der Domfestspiele ein Schnittchen Auszeit freizunehmen, um nach Hamburg zu fahren. Aber dann:

 

Es war nicht einfach nur eine Bürobesichtigung mit interessanten Begegnungen mit Menschen, die in der Branche selbständig arbeiteten. Eine echte Bühne gab es zu besichtigen. In einer ehemaligen Speditionshalle auf einem Hinterhof, auf dem ein Kenianer heruntergekommene Autos zur Verschiffung in seine ehemalige Heimat ansammelte, hatte Sebastian Hellwig eine komplette Bühne mit rotem Vorhang, Rigg, Lichtanlage, Tonanlage und Zügen eingerichtet. Der Zweck der Bühne war, praxisorientierte Ausbildung für Veranstaltungstechniker und Bühnenmeister anbieten zu können.

Alles was Theatertechnik auf einer Studiobühne braucht, war hier zu finden. Nur Theaterkunst, die gab es hier nicht. Und nun folgten einige schlaflose Nächte. Sollte man es wagen, in der Theaterstadt Hamburg, die bereits über dreißig Bühnen zu bieten hatte, einen neuen Spielort zu eröffnen?

Nach mehreren Rasuren, bei denen der Zu-Rasierende dem Rasierenden „Nun sei doch einmal in deinem Leben mutig!“ entgegenbrüllte, stand der Entschluss fest: Eine Bühne für die Freie Szene sollte entstehen!

 

Eine tatkräftige Businesspartnerin fand sich, die Schauspielerin Karime Vakilzadeh, und beteiligte sich an der Umsetzung des Planes. Es entstanden Szenische Lesungen von Theaterstücken, die auch an anderen Orten in Hamburg aufgeführt wurden um den Namen Hamburger Sprechwerk bekannter zu machen. Viele, viele Netzwerkgespräche mit freien Regisseuren, Schauspielern und Musikern vergrößerte den Kreis der Eingeweihten und Begeisterten.

Nur Geld verdienen, das wollte nicht so recht gelingen. Und so ging die kleine Gesellschaft Bürgerlichen Rechts wieder auseinander. Andreas Lübbers gab aber seinen verwegenen Plan nicht auf und begann einen ersten Spielplan für das Hamburger Sprechwerk auszuarbeiten.

 

Viele vernünftige, gut ausgebildete, erfolgreiche Menschen hatten großes Mitleid mit dem armen Spinner Lübbers und halfen mit Unterstützung in Öffentlichkeitsarbeit, Schauspielproduktion, Aufführungsideen und Nahrungsmitteln. (Kleine Auswahl ohne auch nur annähernde Vollständigkeit: Friedhelm Ptok, Georg Immelmann, Sabine Falkenberg, Nicolas König, Joshi Peters, Ulla Hahn, Christian Seeler, Zebu Kluth, Birgit Lünsmann, Wolf Kauder, Shazimet Soylu, Haye Graf, Torsten M. Krogh, Susanne Pollmeier, Alfred Sieling, Maike Wehmeier, Niklas Heinecke, Angela W. Röders, Kristian Bader, Tünde Pasdach, Jan Stahl, Gilla Cremer, Thorsten Diehl, Christian Concilio, Anja Rossmann, Elke Ehlert, Carlos Jaramillo, Javier Baez – alle, die in dieser Aufzählung nicht auftauchen, werden einen umso größeren Teil der Printausgabe der Geschichte des Sprechwerks einnehmen!)

 

Ganz besonders aber ist zu danken: Sören Fenner, Sebastian Hellwig, Jürgen „Crucial B“ Becker, Katja Kamphans und Richard Nilges. Ohne Sebastian Hellwigs großzügige Konditionen in der Anfangszeit des Sprechwerks, hätte es nie die Türen geöffnet. Jürgen Becker unterstützte ohne Rücksicht auf sich selbst als Technischer Leiter. Sören Fenner war (ist & wird bleiben) eine Quelle steter Inspiration und Motivation. Mit ihm zusammen ist unter anderem die „Theater-Tafel“ entstanden, die das Sprechwerk bei heißem Essen und heißen Themen zu einem Treffpunkt der Freien Szene der Darstellenden Künste werden ließ. Und die Theater-Tafel wäre ohne die ständigen Begleiter Richard Nilges (Live-Cooking) und Katja Kamphans (Bar-Keeping) nicht möglich gewesen.

 

 

Kurz vor der Eröffnung der ersten Spielzeit begegneten sich eine ziemlich schwangere Konstanze Ullmer und ein ziemlich nervöser Andreas Lübbers auf einer sommerlichen Gartenparty. Konstanze Ullmer ließ sich, obwohl sie augenscheinlich ganz anderer Beschäftigung entgegensah, von der Idee Sprechwerk sofort anstecken. Am großen ersten Tag der offenen Tür der kleinen offenen Bühne war sie schon voll integriert und engagiert. Seither hat sich die Zusammenarbeit von Konstanze Ullmer und Andreas Lübbers zu einer gemeinsamen Erfolgsgeschichte entwickelt und heute liegt die Leitung des Hauses in Ullmers Händen.

 

Dieses alles hat sich in den Jahren 2003 und 2004 abgespielt und das Sprechwerk ist jetzt in seinem dreizehnten Jahr des Bestehens. Nach fünf Jahren Betrieb wurde das Flehen nach Unterstützung von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg erhört und seither gibt es eine verlässliche jährliche Förderung, die das schwere Geschäft des Schauspiel, Tanz und Musiktheater ans Publikum bringen möglich macht.

 

Die Hamburger Theaternacht lässt das Sprechwerk von Anbeginn an an diesem großartigen Publikumsereignis teilhaben und darüber haben viele, viele Zuschauer das neue Theater entdeckt. Mit den Theatern monsun, Lichthof, MUT, Theater das Zimmer, Haus 73 haben wir uns zu der Interessensgemeinschaft Hamburg OFF zusammen geschlossen, tauschen Erfahrungen aus, Werben gemeinsam und vertreten unsere gemeinsamen Interessen. Auch ein gemeinsames Festival haben wir in diesem Verbund ins Leben rufen können: hauptsache frei wird es in 2016 zum zweiten Mal geben.

Nicht zu vergessen: NDR 90,3, das Hamburger Abendblatt, die Morgenpost, Godot, theatralisch, Birgit Schmalmack, Nachtkritik und die Szene, sowie die Theatergemeinde haben unsere Arbeit bis hierher großartig begleitet und unterstützt.

 

Mittlerweile hat das Sprechwerk einen festen Stab an Mitarbeitern in Technik und Betrieb des Hauses und anfänglicher Dilettantismus ist von hoher Professionalität abgelöst. Das Theater ist gut ausgebucht und Konstanze Ullmer hat eine Reihe „Wortgefechte“ mit eigenen Produktionen gegründet.

 

Und auch wenn uns die alte Speditionshalle über dem Kopf zusammenzubrechen droht, der Regen viele Wege durch das Dach findet, im Winter nur mit drei Schichten Kleidung Erfrierungen bei Zuschauern und Darstellern zu verhindern sind, die elektrische Anlage uns immer bösere Streiche spielt – die Produktivität der Freien Szene, die Spiellust und der ungebrochene Wunsch der Darstellenden Künste einen intensiven, streitbaren, amüsanten, politischen und ästhetischen Dialog mit dem Publikum zu führen, lässt das Sprechwerk noch lange leben.

 

tl;dr – oder auch Zusammenfassung:

Das Sprechwerk gibt es seit 2003 und seine Geschichte ist noch lange nicht auserzählt.